1926 feierte Lübeck „700 Jahre Reichsfreiheit“. Nach genau einhundert Jahren blickt das Museum Behnhaus Drägerhaus auf den Höhepunkt der damaligen Feierlichkeiten, den von Alfred Mahlau künstlerisch gestalteten Festzug. In zahlreichen Bildern erzählte dieser Festzug Geschichte und Geschichten aus Lübecks wechselvoller Vergangenheit. Mahlau hatte dazu einen Gesamtentwurf, eine mehr als 16 Meter lange „Rolle“ mit detaillierten, vielfigurigen Szenen entworfen. Erstmals seit 100 Jahren werden diese Aquarelle nun wieder ausgestellt. Wir laden zu einem Gang entlang des Festzugs und einem Blick auf Mahlaus künstlerische Auseinandersetzung mit Lübeck ein.
700-Jahrfeier der Reichsfreiheit Lübeck
Die 700-Jahrfeier 1926 erinnerte an die Ausstellung und Übergabe des „Reichsfreiheitsbriefs“ im Jahr 1226 durch Kaiser Friedrich II. Diese Urkunde gilt als wesentliche Voraussetzung für Lübecks weiteren Aufstieg zum Haupt der Hanse. Die Hanse war 1926 längst Geschichte, Lübeck aber weiterhin freie Stadt und Deutschland inzwischen im achten Jahr Republik.
Mit einem umfangreichen Festprogramm blickte man 1926 auf Lübecks wechselvolle Geschichte zurück und hoffte zugleich, an glanzvolle Zeiten anknüpfen zu können.
Für die bürgerliche Kultur der Stadt steht programmatisch Thomas Manns Festrede:
Das Plakat
Zur 700-Jahrfeier gelang es Alfred Mahlau, das weite Panorama der Lübecker Stadtsilhouette vertikal und als Hochformat anzuordnen. Das Plakat mit den stilisierten sieben goldenen Türmen bewährte sich als Werbemotiv der 700-Jahrfeier u. a. an zahlreichen deutschen Bahnhöfen und zog ein großes Publikum zu den Feierlichkeiten in die Stadt. Das „Logo" findet sich ebenfalls auf dem Programmbuch und vielen weiteren Druckgrafischen Erzeugnissen wieder. Anders ist es hingegen bei der Festpostkarte. Alfred Mahlau kombinierte Lübecker Flaggen und Wimpel in Weiß-Rot mit einem „Dreipass“, einem Architekturdetail aus den Turmgiebeln der Marienkirche.
Die "Rolle" — Entwurfszeichnungen zum Festzug
Auf 36 Entwurfsblättern gestaltete der Künstler Szenen aus Lübecks Geschichte, aus Sagen und Erzählungen sowie sinnbildliche Illustrationen. Es entstand eine vielfigurige Gesamtkomposition, in der Mahlau zunächst die Motive, den Ablauf und die farbliche Gestaltung der Kostüme und Wagen festlegte. Notizen und Kommentare geben heute Einblick in die nachträglichen Anpassungen, in denen Mahlau auf die Wünsche seines Auftraggebers, des Festzugausschusses, reagierte. Auf einer mehr als 16 Meter langen Leinwand fügte Mahlau seine 36 Entwurfsskizzen dann zu einer „Rolle“ zusammen.
Für Mahlau war der Totentanz die wichtigste Gruppe. Mit Bezug auf die dortige Darstellung des Totentanzes wurde sie direkt hinter dem Modell der Marienkirche platziert. Kaiser wie Bauer, alle sind vor dem Tod gleich. Mit diesem Thema befasste sich Mahlau in seiner künstlerischen Laufbahn mehrfach. Zuletzt, als er zwei Kirchenfenster in Erinnerung an den im Zweiten Weltkrieg zerstörten Lübecker Totentanz für St. Marien schuf.
Der Künstler Alfred Mahlau
Als er den Auftrag zur künstlerischen Gestaltung des historischen Festzugs erhielt, arbeitete der noch junge Alfred Mahlau als Kostüm- und Bühnenbildner in Breslau. Eine zeitgemäße, an Bühnenbildern angelehnte Gestaltung versprach sich der Ausschuss mit der Beauftragung Mahlaus wohl auch für den Festzug. Er hatte bereits für die Nordische Woche 1921 u. a. das Festplakat und 1925 ein Hafenplakat gestaltet und war somit in Lübeck bereits bekannt.
In seinem Selbstbildnis, dass nur ein Jahr nach seinen Entwürfen zum Festzug entstand, präsentiert sich Alfred Mahlau als Maler. Im Medium der Ölmalerei erscheint er mit Pinsel und Palette konzentriert und fokussiert vor einer Staffelei. Heute ist Alfred Mahlau insbesondere für seine gebrauchsgrafischen Arbeiten für die Schwartauer Werke und den Marzipanhersteller Niederegger bekannt. Zeit seines Lebens übernahm er Aufträge für gestalterische Arbeiten. Seinen Wunsch, nur als freischaffender Künstler tätig zu sein, konnte er nie umsetzen.
Das Echo der Öffentlichkeit
Diese zwei Objekte zeigen, dass Eindrücke vom Festzug sehr unterschiedlich festgehalten wurden – einerseits als Schultext von einem jungen Mädchen, andererseits von professionellen Fotografen vor allem aus Lübeck, Hamburg und Berlin.
Die vier Bögen mit Pressefotos, meist beschnittenen Postkarten sowie einigen Ausschnitten aus Zeitschriften stammen aus dem Besitz von Fritz von Borris, einem Freund Alfred Mahlaus. Die Fotos zeigen den Festzug weitgehend vollständig. Durch das Beschneiden der Postkarten konzentriert sich der Blick auf die Gruppen des Zuges. Die Gestaltung erinnert an das Layout von Illustrierten der Zeit.
Verschiedene Fotografen: Fotografien des Festzugs, Zeitgenössische Collage auf vier Bögen, 1926