Irr-Real. Carl Julius Milde, das Porträt und die Psychiatrie

Ab 17.03.2019 bis 30.06.2019

Ein Blick auf die Porträts dieser Ausstellung verdeutlicht gleich: Hier sind keine „normalen“ Menschen dargestellt. Mit dem genauen Blick des Zeichners hielt Carl Julius Milde (1803–1875) zwischen 1829 und 1834 Menschen in ihrer individuellen Eigenart fest. Zugleich zeichnete er ein Bild ihrer Krankheit. Die Dargestellten sind Patienten der Psychiatrie im Hamburger Krankenhaus St. Georg.

Carl Julius Milde (1803–1875) ist in Lübeck kein Unbekannter. Sein passioniertes und langjähriges Engagement für die Kunstwerke und Baudenkmäler der Hansestadt wirkt bis heute nach. Milde war erster Konservator der Lübecker Kunst- und Naturaliensammlung und gilt zu Recht als Lübecks erster Denkmalpfleger. Weitgehend unbekannt ist, dass Milde auch für die Medizin als Künstler tätig war. Seine Patientenporträts entstanden im Kontext der Verwissenschaftlichung der Psychiatrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie werden in der Ausstellung in Lübeck erstmals in den Fokus gerückt. Während die Psychiatrie als medizinisch eigenständige Disziplin etabliert wurde, begannen Ärzte, Serien von Patientenporträts durch professionelle, auf Bildnisse spezialisierte Künstler zeichnen zu lassen. Man benötigte Bildmaterial, um psychiatrische Erkrankungen zu unterscheiden und zu klassifizieren. Dabei spielten die Porträts keineswegs eine rein illustrierende Rolle, sondern waren integraler Bestandteil der ärztlichen Diagnose und der wissenschaftlichen Argumentation. Zugleich tragen die von ihm Dargestellten individuelle Züge. Man erkennt Spuren des gelebten Lebens, den verletzbaren, vielleicht auch leidenden Menschen. Zwischen der Individualität der Porträts und dem wissenschaftlichen Anspruch der Zeichnungen liegt der Spannungsbereich dieser Werke. 

Zur Ausstellung erscheint ein Begleitband, in dem Mildes Zeichnungen erstmals publiziert und kommentiert werden. Wissenschaftliche Essays werden Künstler und Werk näher einordnen. Der Katalog wird von der Ernst von Siemens Kunststiftung finanziert.